Warum langfristige Gewichtsabnahme so schwierig ist: Die Rolle von Hormonen, Gehirn und Set Point
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Viele Menschen gehen davon aus, dass Gewichtsreduktion und Gewichtserhalt hauptsächlich eine Frage von Disziplin, Ernährung und Bewegung sind. Tatsächlich wird das Körpergewicht jedoch stark biologisch reguliert.
Das Gehirn verarbeitet ständig Signale aus dem Körper, zum Beispiel aus Fettgewebe, Darm und Hormonsystem. Hormone wie Leptin, Insulin und verschiedene Darmhormone informieren das Gehirn darüber, wie viel Energie im Körper gespeichert ist. Aus diesen Signalen entsteht im Laufe der Zeit eine Art biologischer Referenzbereich für das Körpergewicht. Dieser Bereich wird häufig als „Set Point“ oder verteidigtes Körpergewicht beschrieben.
Wenn ein Mensch über längere Zeit ein höheres Körpergewicht hat, passt sich dieses Regulationssystem häufig an dieses Niveau an. Das Gehirn beginnt dann, dieses Gewicht aktiv zu verteidigen.
Biologische Gegenregulation nach Gewichtsverlust
Wenn jemand Gewicht verliert und sich vom vom Gehirn verteidigten Gewicht entfernt, reagiert der Körper mit verschiedenen Anpassungen.
Nach einer Gewichtsabnahme steigen häufig Hungerhormone wie Ghrelin, während Leptin sinkt, weil weniger Fettgewebe vorhanden ist. Da Leptin dem Gehirn signalisiert, wie viel Energie gespeichert ist, interpretiert das Gehirn den niedrigeren Leptinspiegel als Energiemangel.
Die Folgen sind:
• stärkerer Hunger
• geringeres Sättigungsgefühl
• ein stärkerer biologischer Antrieb zu essen
Zusätzlich verändert sich die Verarbeitung von Nahrung im Gehirn. Viele Betroffene berichten über ein verstärktes gedankliches Kreisen um Essen, oft als „Food Noise“ bezeichnet. Dabei denkt man häufiger darüber nach, was man essen könnte, wann die nächste Mahlzeit stattfindet oder wo Nahrung verfügbar ist.
Aus evolutionsbiologischer Sicht ist diese Reaktion sinnvoll. Das Gehirn versucht, einen wahrgenommenen Energiemangel auszugleichen. In einer modernen Umgebung mit leicht verfügbaren, hochkalorischen und stark verarbeiteten Lebensmitteln erhöht dies jedoch die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Gewichtszunahme.
Warum Adipositas als chronische Erkrankung gilt
Diese biologischen Gegenregulationen sind einer der Hauptgründe, warum Adipositas heute als chronische, rezidivierende Erkrankung eingestuft wird.
Dabei spielt es nicht immer eine entscheidende Rolle, wie das höhere Gewicht ursprünglich entstanden ist. Sobald über längere Zeit ein höheres Körpergewicht erreicht wird, kann sich das Gehirn daran anpassen und dieses Gewicht als neuen Referenzpunkt betrachten, den es verteidigen möchte.
Aus evolutionsbiologischer Sicht war Gewichtszunahme kein Problem für den menschlichen Organismus. Ein höheres Körpergewicht bedeutete gespeicherte Energie und erhöhte Überlebenschancen in Zeiten von Nahrungsknappheit. Gewichtsverlust dagegen konnte Hunger oder Energiemangel signalisieren und stellte eine potenzielle Bedrohung dar.
Deshalb hat der Körper Mechanismen entwickelt, die Gewichtsverlust aktiv entgegenwirken.
Rolle von GLP-1 Medikamenten und moderner Therapie
Moderne Medikamente wie GLP-1-Rezeptoragonisten können diese biologischen Prozesse teilweise beeinflussen.
Sie wirken unter anderem durch:
• Reduktion von Hungersignalen
• stärkeres Sättigungsgefühl
• geringere gedankliche Beschäftigung mit Essen
Gesunde Lebensgewohnheiten wie ausgewogene Ernährung, Bewegung und Schlaf bleiben weiterhin wichtig. Allerdings können Medikamente helfen, die biologischen Gegenmechanismen abzuschwächen, die normalerweise zu Gewichtszunahme führen.
Damit stehen erstmals Therapien zur Verfügung, die direkt auf die neuroendokrinen und metabolischen Mechanismen wirken, die langfristigen Gewichtserhalt erschweren.
Zum weiter eintauchen:
Reddit: r/mounjarodeutschland
Youtube: Ein wissenschaftlicher Vortrag von Dr. Ania Jastreboff (englisch)